INTERVIEW MIT BOYSETSFIRE  
 

Am 20.03.06 war es endlich so weit: Nach mehr als 3 Jahren standen Boy Sets Fire mit ihrem neuen Album „The Misery Index: Notes from the Plague Years“ das erste Mal auf einer saarländischen Bühne.

Viele Kritiker befürchteten schon lange vor Veröffentlichung des Albums einen verzweifelten Versuch an den grandiosen Vorgänger anzuknüpfen. Gerüchte über monatelange Probleme mit der Plattenfirma, die Verkündung der Trennung vom Management, sowie das sich ständig nach hinten verschiebende Release- Datum sollte Ihnen dafür auch einen guten Nährboden geben. Doch mit dem Erscheinen des Albums waren schnell alle Zweifel ausgeräumt. Ihre Vergangenheit nicht verleugnend, sind Boy Sets Fire zurück auf dem Weg in die Zukunft, und dies mit einer geballten Ladung frischer Energie und unglaublicher Abwechslung.

Für Rock´n´Roll Army war der Auftritt am 20.03.06 in der Saarbrücker `Garage´ somit natürlich einer der Pflichttermine des Jahres, um die Ikonen aus dem verschlafenen Delaware zu Ihrem Neuanfang zu befragen. Was eigentlich als ein halbstündiges Interview mit Chad und Robert geplant war, artete letztendlich in einem über eine Stunde dauernden Geplauder über Gott und die Welt aus. Neben den unten abgedruckten Auszügen wurde lebhaft über Politisches, Persönliches und auch sehr Intimes geredet. Aus Gründen der Privatsphäre hier nun die eigentlich wichtigen Dinge zu einer der bekanntesten Bands der modernen Rockgeschichte.


Wie geht´s euch an solch einem wundervollen sonnigen Tag, und wie ist die Tour bisher gelaufen?

Nun, dies ist der erste richtig schöne Tag auf dieser Tour. Wir waren vorher in England, was sicherlich keine wirklich sonnige Gegend ist – ich glaub´, da gibt´s gar keine Sonne. Und außerdem war es bisher echt ziemlich kalt. Aber trotzdem war´s bisher ´ne absolut großartige Tour durch England, Belgien und Frankreich.


Gibt es Unterschiede zwischen den Leuten, die eure Shows in den USA beziehungsweise in Europa besuchen? Oder zwischen den Shows generell?

Ja und nein! Was dir auffallen würde, wenn du so viel getourt wärst wie wir, ist, dass die Leute im Allgemeinen überall gleich sind – egal wo du bist. Die Menschen scheinen sich heutzutage immer mehr aneinander anzupassen. Aber – und das auch in den USA, einem solch riesigen Land - hängt es auch immer noch davon ab, wo du genau bist. Natürlich ist es zum Beispiel schon ein Unterschied, ob du an der Ostküste spielst oder in Kansas City. Deutschland ist generell eines unserer „stärkeren“ Länder, aber wir geben sowieso immer alles, egal wo wir hinkommen. Und in den Staaten können wir natürlich auch großartige Auftritte haben, wenn man von Orten wie New Orleans zum Beispiel absieht, wo sich kein Mensch für uns interessiert.
An der Ostküste ist´s fast wie in Deutschland. Außer, dass die Leute ein wenig aggressiver tanzen. Die springen nicht einfach nur herum, sie schlagen sich regelrecht. Dies ist sicherlich ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland. Schlägereien stehen in den USA an der Tagesordnung, während ich in Deutschland noch nie eine erlebt habe. Vielleicht liegt das am Unterschied der Kulturen. Das Macho-Gehabe ist unter den US-Jugendlichen stärker ausgeprägt.
Ich glaube riesige Festivals wie es sie in Europa massenweise gibt, wären in den Staaten nicht ohne Mord und Totschlag möglich.


Kann man sagen, dass euer neues Album nicht mehr so stark auf politische Missstände eingeht, wie das vorherige, und dass es stattdessen eher von persönlichen Erfahrungen handelt?

Mit unserer vorherigen CD fassten wir die bewusste Entscheidung, den uns gegebenen Einfluss auf unsere Hörerschaft zu nutzen um unserer Meinung ein Sprachrohr zu verschaffen. Wir versuchten, dies für einen guten Zweck zu nutzen und orientierten uns an den aktuellen politischen Missständen.


Und das neue Album? Kann es sein, dass dies eure Erfahrungen und negativen Geschehnisse der letzten Jahre reflektiert?

Das ist wahr...zumindest haben sie es versucht! Aber darüber haben wir nur gelacht. Und sie wollten sogar unseren Schlagzeuger austauschen! Hast du schon ´mal Boy Sets Fire live gesehen? Unser Schlagzeuger ist sicherlich einer der Besten überhaupt! Wind-up waren echt verzweifelt. Aber wir sagten einfach: „Nein! Wir machen die Aufnahmen mit unserem Schlagzeuger!“, und „Nein, wir brauchen niemanden, der unsere Songs schreibt!“. Ich bin so froh, dass das alles vorbei ist. Und nun haben wir Labels, die wirklich für uns da sind und sich um die Band kümmern, und sich nicht nur auf eine Single oder einen großen Hit konzentrieren. Wir fühlen uns mittlerweile sehr wohl. Die Leute von Wind-up lebten einfach in einer anderen Welt. Es gab keine gemeinsame Basis um miteinander zu kommunizieren. Stell dir vor, jedes mal wenn einer ihrer Vertreter zu unseren Shows kam, kamen Sprüche wie: „Hey Bro, schau mal, ich hab dir die neue `Evanescence` CD mitgebracht...die ist so geil!“. Das war einfach nur schlimm. Mit diesen reichen Leuten in Strickpullis hatten wir nichts gemeinsam. Und jetzt arbeiten wir mit Leuten wie Gero von Burning Heart zusammen, der übrigens noch ein alter Freund von mir aus Berlin ist. Er ist einfach nur großartig! Es ist nicht so, dass es dabei nur auf Äußerlichkeiten ankommt, aber solche Leute leben mit uns in einer Welt. Und natürlich ist er immer noch der Typ vom Label, der sich um andere Dinge, unsere Musik betreffend, kümmert und andere Ziele verfolgt. Aber es fühlt sich alles so viel besser an. Diese Leute sprechen alles mit uns ab und fragen uns, ob wir einverstanden sind, und das wegen den geringsten Dingen. Somit liegt die absolute Kontrolle bei uns! Und Gero zum Beispiel weiß was wir wollen, und dass sich alles um die Kunst dreht, die wir erschaffen wollen. Jeder von uns fühlt sich nun sehr wohl.


Habt Ihr denn jemals daran gedacht alles aufzugeben?

Oh ja, wir haben es sogar probiert! Oft sogar. Aber Josh und Nathan....hey, die Namen könnte man ja zu Jathan zusammenfassen?..., diese Beiden waren für Matt, Chad und mich der Schlüssel zum Durchhalten. Sie haben uns immer wieder zusammengeführt. Im Endeffekt waren die Depressionen eines Jeden von uns ein Teil des Anderen. Und unsere gemeinsamen Songs hielten uns irgendwie zusammen. Am Ende eines Tages, sobald wir die Instrumente in der Hand hatten, war alles wieder gut und wir hatten endlich wieder Spaß! Alles andere war einfach nur grausam.


Also könnte man sagen, dass es eure echte Freundschaft war, die euch zusammengehalten und durch die schlechten Zeiten geführt hat?!

Als wir letztendlich alle Dinge, die nicht wirklich Teil von uns waren, ausgeschlossen hatten, waren es wieder fünf gute Freunde. Ohne Label, ohne Management, ohne Geld, ohne Platten- Vertrag. Und in diesem Moment war es eigentlich eine der schlechtesten Ideen, eine neue Platte zu machen – wir mussten schließlich alles aus eigener Tasche zahlen. In diesem Moment mussten wir wirklich die Karten auf den Tisch legen und uns selbst fragen, warum wir überhaupt machen was wir machen. Warum spiele ich in dieser Band, warum liebe ich Musik, warum will ich Musiker sein. Und genau das war irgendwie sehr hilfreich. Wir durchliefen eine Art Verjüngungsprozess, der uns alles sehr bewusst machte und uns erkennen ließ, dass es absolut unser Traum ist, und dass wir genau mit diesen fünf Personen zusammen Musik machen wollen. Aus diesem Grund bedeutet uns auch diese Tour so viel! Es ist einfach umwerfend...Ich glaub wir haben schon fast zu viel Spaß...


Eure Songs zeichneten sich schon immer durch eine sehr große Vielfalt an unterschiedlichen stilistischen Elementen aus, und so ist es auch wieder auf der neuen Platte. Da stellt sich die Frage, wie das Songwriting bei euch vonstatten geht?

Wir halten einen kleinen gezähmten Affen in einem Käfig. Er ist unser Co-Schreiber. Er hat eine kleine Gitarre, und jedes Mal, wenn man da Geld einwirft, kommt er heraus und spielt nette Liedchen. Chad aber ist der Einzige, der ihn hören kann und das Ganze dann für uns umschreibt, so dass wir alle es spielen können. Nein, mal im Ernst... wir alle schreiben die Songs zusammen. Und der Affe natürlich! Gerade bei dieser Platte stimmt es wirklich, dass es eine Gemeinschaftsarbeit war. Klar schreiben Chad, Josh und ich mehr Riffs als Nathan und Matt. Die spielen ja auch seltener Gitarre. Und Nathan schreibt natürlich öfters Mal die Texte. Aber insgesamt war echt jeder an Allem beteiligt. Auf diesem Album findet man Textzeilen von jedem von uns. Wir sind eine der wenigen Bands, die ich kenne oder in denen ich schon gespielt habe, bei der jeder einen gleichen Anteil mit einbringt. Aber das ist natürlich eine sehr schwierige Angelegenheit – das kann ich dir sagen! Demokratie ist nicht so einfach. Aber ich denke, dass man das auch live sehen und spüren kann, dass nämlich jeder der Band gleichberechtigt ist. Und am Ende ist dies sicherlich auch der Grund, warum unsere Songs so vielseitig sind.


Klar, jeder hat sicherlich auch seine eigenen Einflüsse...

Ja, genau. Matt zum Beispiel hatte die Idee für die Jazz-Einlage vor „so long and thanks for the crutches“. Irgendwie haben wir das dann gemeinsam dort eingebaut. Wir alle hören auch ganz andere Musikrichtungen, wie zum Beispiel Hip-Hop oder Electronic. Und wir haben unsere Computer so vernetzt, dass jeder auf die Musikdateien der anderen zugreifen kann. So kommt dann ein riesiges Repertoire an unterschiedlichsten Einflüssen zusammen. Bei der Aufnahme unserer neuen Platte waren wir dann auch fest entschlossen nicht irgendwelche musikalischen Richtlinien den kreativen Prozess beeinflussen zu lassen. Das haben wir zwar vorher auch nicht gemacht, aber dieses Mal ist das besonders zutreffend, und wir haben uns einfach gesagt, wenn es uns gefällt, dann machen wir es! Ach so, und nur weil Bläser mitspielen ist ein Song noch lange kein Ska (Deja Coup). Wir mögen Ska nicht so sehr.


Um auf euren Song “Empire” zu sprechen zu kommen: Es scheint, als würde dieser auf die US-Regierung und deren Tätigkeit im Irak ausgerichtet sein. Stimmt´s?

Exakt! Dies ist einer der Songs, die ganz speziell auf ein Thema hinzielen. Es geht ganz klar um G.W. Bush und den gesamten ihn umgebenden Führungsstab mit ihrem zwielichtigen Schaffen.


Also hat sich eure Meinung über dieses Thema nicht geändert über die Jahre?!

Nein, unsere politische Meinung hat sich nicht geändert.


Mir ist oft aufgefallen, dass ihr zwischen den Songs viel redet. Ist es auch heute noch wichtig für euch eure Message an das Publikum zu bringen?

Eigentlich haben wir die letzten Jahre versucht, das etwas abzustellen. Natürlich versuchen wir immer noch die Songs, und gerade die neuen Songs, zu erklären, aber insgesamt wollten wir das etwas herunterfahren. Die Leute sollen einfach verstehen warum wir genau über dies oder jenes singen, oder warum wir gerade bei dem Song da oben stehen und uns die Seele aus dem Leib schreien. Ich erwarte es natürlich nicht, aber ich denke schon, dass viele Leute unsere Texte kennen, und einige könnten etwas falsch verstehen. Also ist es sicherlich gut, sie über unsere Aussagen aufzuklären. Aber ehrlich gesagt hab´ ich in der Vergangenheit auch Videos von uns gesehen wo ich dachte, ist das ein langweiliger Scheiß. Es war an manchen Stellen vielleicht einfach zu viel.


Stimmt es, dass ihr das Design eurer neuen CD und eurer neuen Homepage selbst gemacht habt?

Ja und nein. Es waren entweder wir selbst oder enge Freunde. Nathan und Robert waren sehr involviert die Homepage zu gestalten. Insgesamt aber hat jeder von uns gesagt was er genau haben will. Als Erstes haben wir dabei die dummen roten und schwarzen Sterne rausgeschmissen... wir hatten diese Farben einfach satt. Bis auf den Fußball-Schal, den wir noch in unserem Merchandise-Programm haben. Der sieht mit dem Stern einfach nur geil aus – so ein richtiger Hooligan Schal. Aber wenn man sich unsere neuen T-Shirts ansieht merkt man, dass dies ein echter Neuanfang ist. Und genau so ist das Gefühl innerhalb der Band auch momentan – alles neu und frisch. Keine alten Designs mehr! Und das alles haben wir selbst gemacht! Und den Leuten scheint´s zu gefallen. Das macht mich absolut glücklich!


Robert, wie geht´s dir eigentlich jetzt, da du in den USA lebst?

Oh, großartig! Ich liebe es dort zu leben! Ich wohne mit Matt, dem Gitarristen der Band „Strike Anywhere“, seiner Freundin, ´ner Katze und ´nem Hund zusammen, und habe eine echt gute Zeit. Auch wenn Baltimore eine verdammt gefährliche, aber sehr schöne Stadt ist. Es gibt nichts worüber ich mich beschweren würde!


Verbringt Ihr eigentlich auch viel Zeit zusammen, wenn Ihr nicht am touren seid?

Wir verbringen schon eine gewisse Zeit zusammen, aber direkt nach einer Tour geht jeder erst mal seinen Weg, um mit den Leuten zusammen zu sein, die man sonst nicht sieht. Aber dann gehen wir ja auch schon bald wieder zusammen auf Tour, und jeder hat so seine Geschichten zu erzählen. Und du kannst dir denken, dass wir alle sehr gerne Geschichten erzählen...


Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Es gibt keine Zukunft!!! Wir sagen nicht, dass wir dies oder das als nächstes tun werden. Unser einziger Plan ist heute Abend in Saarbrücken zu spielen und alles abzureißen! Es werden keine Gefangene gemacht, da bisher echt jede Show komplett Amok war! Bis heute Abend wird jeder noch auf seine Weise die Batterien aufladen, und dann werden wir auf die Bühne gehen. Danach vielleicht noch ein paar alkoholische Getränke... Weißt du, ich denke nicht mehr an die Zukunft. Es war alles eine gewisse Zeit lang zu schmerzhaft gewesen. Wir hatten nichts. Und nun leben wir einfach, genießen und schätzen den Moment, das Jetzt. Und wenn sich etwas verändert, dann werden wir damit umgehen und damit leben lernen!


Dann wünschen wir euch nur positive Veränderungen! Viel Spaß heute Abend auf der Bühne! Vielen Dank!

Das Interview wurde geführt von Kraudé und Alex, übersetzt ins Deutsche von Kraudé

Author: Alex, Kraude